Transsibirische EisenbahnVier Tage benötigten man um die 5185km bis nach Irkutsk zurückzulegen. Den ersten und einzigen Stopp auf dem Weg zum Baikalsee machten wir nach zwei Tagen in Omsk. Wir hatten uns dafür entschieden, weil vier Tage nur Zug fahren vielleicht doch etwas zu anstrengend und montoton sind, kann man zwar machen, muss man aber nicht. Und so hatten wir einen Tag Aufenthalt in Omsk.
Aber halt, nochmal einen Schritt zurück: Kaum hatten wir Moskau verlassen, sind die grauen Plattenbauten am Stadtrand kleinen Holzhäusern, vorwiegend in grün, gewichen. Neben den Holzhäusern gab es aber vor allem Birkenwälder während der Fahrt zu sehen. Eigentlich war das auch schon alles was es zu sehen gab.
Trotz Alkoholverbot wurde (heimlich) im Zug ordentlich gebechert. Unzählige leere Bier- und Schnapsflaschen, welche wir am nächsten Morgen im Müll fanden, waren ein eindeutiges Indiz dafür. Wir schlossen uns den landestypischen Gewohnheiten an und tranken auch heimlich… Unser Sitznachbar hatte leider den ganzen Tag verschlafen also mussten wir alleine trinken. Alleine mit Gewürzgurken. Aber am nächsten Tag würden wir ihn überreden (zwingen) mitzutrinken. Als schien er es geahnt zu haben, war er am nächsten Morgen weg….


Mit jedem Bahnhof wechselten auch die Mitfahrer und da wir dritte Klasse (offene Kabinen) gebucht hatten, blieb es immer spannend, wer als nächstes kommt. Alles in allem hatten wir immer Glück. Trotz Verständigungsprobleme waren immer alle sehr nett.
Ab und an kam ein Imbisshändler vorbei und wir bestellten Piroggen Kartoschka. Warum ich das erwähne? Neben да (da/ja), нет (net/nein) und Hа здоровье! (Na sdorówje/Wohl bekomm’s!) ist Kartoschka (Kartoffel) nämlich das vierte Wort welches ich auf russisch kann. Und da ich gern beim Reisen auf Fleisch verzichte, hatte ich doch öfters mal die Gelegenheit irgendetwas mit Kartoffeln zu bestellen. Je nach Stimmlage und Gesichtsausdruck kann man aus „Kartoschka“ auch eine Frage machen und weiß sofort über das Innenleben einer Pirogge Bescheid.

In Omsk angekommen machten wir uns, nachdem wir erstmal Mittagsschlaf gemacht hatten, auf, die Innenstadt zu erkunden. In einer uralten Tram fuhren wir erstmal in die komplett falsche Richtung, um dann im großen Bogen unser auserkorenes Ziel zu erreichen. Wir besuchten das Heimatkundemuseum in dem ein Mammutskelett ausgestellt war (und ich für meinen Zwirbelbart auf russisch gelobt wurde) und liefen dann weiter zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale, welche mit ihrer goldenen Kuppel die Hauptattraktion in Omsk war.
Das Wetter war an diesem Nachmittag leider nicht auf unserer Seite, es fing irgendwann so stark an zu regnen, dass wir uns nur noch unter dem Vordach eines Holzhauses retten konnten. Es regnete und regnete und wollte auch Mariä-Entschlafens-Kathedralegar nicht mehr aufhören. Ein Pärchen, welches auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter einem Baum Schutz suchte, gab nach wenigen Minuten auf und lief komplett durchnässt heim. Während es so regnete, schaute die Besitzerin des Hauses kurz raus, war ihr aber zu nass und sie verschwand wieder im Inneren des Hauses.
Das Vordach bot kaum noch Schutz. Kurz hatten wir wieder Hoffnung, als es aufhörte zu regnen und nur noch nieselte. Wir rannten auf überfluteten Straßen zu einer nahegelegenen Kirche und versprachen uns damit einen etwas besseren Unterschlupf zu finden. Kaum erreichten wir das Gotteshaus, fing es wieder so stark an zu regnen als würde es kein morgen mehr geben. In der Kirche wurde gerade eine Messe gehalten und so standen wieder nur unter einem Vordach vor der Kirche.
So verging die Zeit… aus Minuten wurde eine Stunde und länger. Irgendwann beschlossen wir einfach immer wenn es etwas weniger regnete ein Stück Richtung Tram Station zu rennen. Als wir die Station erreichten, mussten wir nach längerem Warten feststellen, dass wohl der Betrieb aufgrund des Regens eingestellt wurde… Irgendwann fanden wir einen Bus, welcher uns zurück zu dem Hostel fuhr und als wir es endlich nach Stunden mit nassen Klamotten erreichten, waren wir total erleichtert.

Da unser Zug am nächsten Tag erst nachmittags fuhr, beschlossen wir vormittags nochmal in die Stadt zu gehen, um all die schönen Sachen anzuschauen, die wir am Tag zuvor verpasst hatten. In Wirklichkeit gab es nicht mehr so viel zu sehen: ein, zwei Kirchen und vielleicht noch eine Moschee, aber so wäre der Tag noch genutzt.
Diesmal stiegen wir in die richtige Bahn, allerdings fuhr sie dann doch wieder falsch. Da dadurch schon etwas Zeit verloren ging, beschlossen wir kurzerhand mit einer anderen Tram eine Stadtrundfahrt zu machen und gar nichts mehr zu besichtigen. Leider stoppte die Tram nach dem dreiviertel der Strecke und der Zugführer gab uns zu verstehen, dass die Bahn jetzt zurückfahre. Für den Weg zurück reichte uns allerdings die Zeit nicht mehr. Also wollte wir mit dem Bus, so einfach wie am Vortag, zurück zum Hostel fahren. Wir warteten an der Bushaltestelle – kein Bus. Auch kein Taxi. Langsam wurden wir nervös. Wir hatten nur noch zwei Stunden bis unser Zug nach Irkutsk fahren würde. Zu Fuß benötigten wir mehr als 2 Stunden zurück zum Bahnhof wo auch unser Hostel war. Mit Google Translate schrieb ich, in mein Handy: „Notfall, würden sie uns zum Bahnhof fahren?“ und lies es auf Russisch übersetzen. Ich hielt die Nachricht der ersten Person mit Auto zusammmen mit einem 1000 Rubel (14€) Schein unter die Nase. Er lehnte ab.
Julia und ich wurden langsam panisch und rannten in unterschiedliche Richtungen. Während Julia einen Einheimischen bat ihr ein Taxi zu bestellen, fand ich ein Pärchen mit einem Auto. Ich weiß nicht mehr wie oft ich das Wort „Notfall“ auf Russisch wiederholt habe, aber irgendwann haben Sie, Anton und Anastasia, eingewilligt uns zum Bahnhof zu fahren. Mit Google Translate kam es dann auch noch zu einem kurzen Smalltalk während der Fahrt – Wo kommt ihr her? / Seid ihr Touristen? – bis sie uns am Bahnhof absetzten. Das Geld lehnten sie ab und wünschten uns wahrscheinlich noch eine gute Reise, wenn wir sie bloß verstanden hätten.
Eine Stunde später saßen wir im Zug. Ich musste immer noch grinsen vor Glück, dass doch alles gut ging. Zwei Tage dauerte es bis nach Irkutsk. Wie auch schon bei der Fahrt zuvor, war man bei jedem Stopp gespannt, wer der nächste Sitznachbar wird. Eine davon war Anuschka, ein 10jähriges Mädchen, welches Julia und mir etwas Russisch beigebracht hatte…
Ach bevor ichs vergesse: Hallo aus Asien! 🙂